Natur und Psychomotorik – die Geschichte einer Idee

Das Projekt Natur und Psychomotorik gibt es seit Februar 1996. Damals begann die Arbeit mit der ersten Gruppe im Wald. Der besondere und bis heute in Deutschland einmalige Ansatz wurde von der Erzieherin und Naturpädagogin Heike Mohr ein Jahr zuvor entwickelt. Ihrer Initiative ist es zu verdanken, dass sich zwei unabhängig voneinander existierende pädagogische Konzepte in diesem Projekt innovativ verbinden: Das Konzept der Naturpädagogik und die psychomotorisch orientierte Arbeit mit bewegungsgestörten und sozial auffälligen Kindern.

Während ihrer Arbeit in einem städtischen Kindergarten von 1987 bis 1994 sammelte Heike Mohr Erfahrungen in der „klassischen“ Kindertagesstättenarbeit. Dabei legte sie besonderen Wert auf die Integration verhaltensgestörter Kinder. Die Bemühungen um soziale Integration stießen jedoch im Alltag schnell an ihre Grenzen. Damit gab sich Heike Mohr nicht zufrieden: In zahlreichen Fortbildungen lotete sie die Möglichkeiten unterschiedlicher pädagogischer Konzepte aus. Parallel dazu sammelte sie, in den Jahren 1983-1997 Erfahrungen in der Arbeit mit Pflege- und Erziehungsstellenkindern, die sie nicht nur stundenweise betreute, sondern jeweils für einige Jahre in der eigenen Familie aufnahm. Diese Erziehungsstellenarbeit in Kooperation mit Jugendämtern und dem Landeswohlfahrtsverband Hessen machte ihr unmittelbar deutlich, dass die Gesellschaft für Kinder mit Wahrnehmungsstörungen und sozialen Integrationsproblemen kaum Therapiemöglichkeiten in festen Gruppen zur Verfügung stellt. Auch die Freizeitangebote erwiesen sich als oft nicht ausreichend für die betroffenen Kinder.

Heike Mohr begann, an einem Konzept zu arbeiten, das genau diesen Mangel beheben sollte- durch die Kombination unterschiedlicher Ideen, die bisher niemand miteinander verbunden hatte. Ziel war die intensive Förderung und Integration „schwieriger“ Kinder in eine Gruppe, begleitet von ausgebildeten pädagogischen Betreuern, die im Gegensatz zu den ehrenamtlichen Leitern etwa eines Sportvereins professionelles Verständnis für nicht normale Verhaltensmuster haben. Das neue Angebot sollte gleichzeitig die Lücken in der Freizeit am Nachmittag und an den Wochenenden schließen und wegführen vom 45-Minuten-Takt der Therapiestunden.  Die Erfahrungen der vergangenen Jahre hatten gezeigt, dass gerade Angebote fehlten, in denen die Kinder mehrere Stunden betreut werden. Aber wie waren alle diese Elemente miteinander zu verbinden?

Die in den 50er Jahren von Prof. Dr. E. J. Kiphard entwickelte Psychomotorik erwies sich als interessanter Baustein für ein integratives Konzept. In der Psychomotorik geht es darum, über ganzheitliche Bewegungswahrnehmung Einfluss auf die psychische Entwicklung zu nehmen. Eine kindgerechte therapeutische Methode, die aber wie andere Therapieformen in geschlossenen Räumen praktiziert wird und mit vorwiegend genormten Materialien arbeitet: ein Kind mit Gleichgewichtsstörungen zum Beispiel lernt auf einem speziellen Balken zu balancieren – 10 cm breit, 10 cm hoch und 3 Meter lang. Für die Übung der Bewegungskoordination ein gutes Hilfsmittel. Aber gelingt auch der Transfer in die tägliche Realität? Im Alltag ist nichts genormt, die Kinder sind gezwungen, sich ständig auf Veränderungen einzustellen. Und an dieser Aufgabe scheitern sie häufig.

Diese Schwierigkeit des Alltags-Transfers brachte Heike Mohr auf die entscheidende Idee. Es fehlte ein zweiter Baustein, der helfen konnte, die therapeutischen und sozialen Erfahrungen ganz selbstverständlich in den Alltag der Kinder zu übertragen . So kam das Konzept der Naturpädagogik ins Spiel, mit dem sich Heike Mohr über viele Jahre auseinandergesetzt hatte. Wie die Psychomotorik hat auch die Naturpädagogik einen ganzheitlichen Ansatz. Über Sinneswahrnehmungen tritt der Mensch in Kontakt zu seiner “Mitwelt“.

In der Natur gibt es keine Norm, dort ist der Unterschied die Regel. Warum also nicht auf Baumstämmen, auf Steinen, auf schmalen Pfaden balancieren? Warum nicht die Bewegungskoordination spielerisch lernen, unter wechselnden Bedingungen auf immer neuen Untergründen statt auf genormten Balken? Und das alles in einer Gruppe, in der sich Kinder mit unterschiedlichen Schwierigkeiten gegenseitig helfen auf dem Weg zu einem gemeinsamen Ziel?

Diese Überlegungen waren der Anfang, und alles Weitere ergab sich jetzt beinahe zwangsläufig. Heike Mohr gründete das Projekt „ Natur und Psychomotorik“, um die Kinder dort „abzuholen“, wo sie in ihrer Entwicklung stehen und sie mit spannenden Aufgaben gemeinsam und spielerisch zu fördern. Die Natur, vor allem der Wald mit seiner einerseits beruhigenden, andererseits anregenden Atmosphäre ist wie ein Spiegel, in dem das „wirkliche Leben“  mit all seinen schönen und schwierigen Seiten aufscheint. Hier sind die Kinder fast selbstverständlich bereit, sich der Realität und ihren Problemen zustellen. Eine geradezu ideale Voraussetzung für die Integration von Kindern, die häufig im Abseits stehen und oft nur schwer in normale Vereinsarbeit zu integrieren sind.

Im Oberurseler Projekt (mit damals 10 Aktiven Betreuern) spielen und lernen Kinder zwischen 6 und 14 Jahren gemeinsam, in heterogenen Gruppen, die gerade durch die Unterschiedlichkeit jeden Einzelnen besonders herausfordern und weiterbringen. Psychomotorische Übungen sind in die Gruppenabläufe organisch integriert und werden von den Kindern als therapeutisches Instrument nicht wahrgenommen. Spielerisch lernen sie Körperbeherrschung und Koordination – und die Integration aller Kinder in die Gruppe. Versteckte und offene Aggressionen lassen sich im Wald aus der Situation heraus bearbeiten und positiv wenden. Die Integration schwieriger oder behinderter Kinder ist eine gemeinsame Gruppenaufgabe, die sich ganz selbstverständlich aus den Spielen und Aufgaben des Tages ergibt.

Die Stunden im Wald vermitteln Erfahrungen und Erfolge, die  im städtischen Alltag meist zwischen Hausaufgabenbetreuung und Therapieeinheiten untergehen. Und die Eltern können sicher sein, zweienhalb Stunden am Nachmittag oder vier bis sechs Stunden an den Wochenenden zur freien Verfügung zu haben – ein nicht zu unterschätzender Nebeneffekt, der indirekt auch den Kindern zugute kommt.

Am Anfang stand nur eine feste Gruppe. Der große Erfolg und die daraus resultierende Nachfrage nach weiteren Plätzen führten schon ein Jahr später zur Entwicklung  des Erlebnistageprogramms für alle Kinder, das naturpädagogische themenspezifische Angebote macht. Die Gruppen sind hier für vier bis sechs Stunden und auch einmal über Nacht zusammen, eine gute Voraussetzung für besonders intensive gemeinsame Naturerfahrungen.

Seit Beginn des Jahres 2000  ist  „Natur und Psychomotorik“ ein gemeinnütziger Verein. Rund 20  aktive Mitglieder betreuen im Jahr zwei feste Gruppen mit je 12 Kindern, führen 9 Erlebnistagen  mit wechselnde Gruppen von  insgesamt 350 Plätzen durch. Wobei der Kinder / Betreuerschlüssel immer 6/1 ist. In den wöchentlichen Gruppen wird der Betreuerschlüssel den angemeldeten Kindern angepasst. Dies kann nach Bedarf bis zu 2/1 sein.

Joachim Faulstich, Hessischer Rundfunk